Rui und zwei andere Lokals sitzen am Ende der Sektion, wo vor einer halben Stunde noch Tubes zu finden waren, für diejenigen, die mutig genug gewesen sind und nicht zurückscheuten, wenn die Welle anfing, sich steil und steiler aufzustellen, am Kamm zu federn und sich dann überschlug, eine Röhre bildete, und denn Glücklichen weiter unten wieder daraus entließ. Ich zögerte und surfte die Welle auf den ersten 50 Metern vom ersten Peak bis vor die Close-outs. Links lag das Lavariff, zerklüftet wie eine Halde von Stalagmiten, rechts die Wasserwand. Wir wollten gerade zurückpaddeln, als ich spürte, wie das Wasser mir entgegenströmte, über den Steinen bildeten sich Strudel, und als ich mich umsah, war diese Welle schon hinter mir. Sie baute sich auf und saugte dabei das Wasser vom Riff, hob mich an, und ich hatte nichts anderes zu tun, als noch einmal mit jedem Arm zu paddeln und dann gleich in die Schulter einzusteigen, mit Take-off und Turn zugleich.
Die Lippe der Welle kollabierte. Ich duckte mich an die Wand, wurde im Ganzen von der Welle umfangen. Ich sah in die Lippe über mir, die klar war, aber schartig wie einmal gebrochenes und wieder gefrorenes Eis, durchsichtig und von der Sonne durchleuchtet. Links neben mir explodierte die Lippe auf dem Bottom der Welle, und ich sehe am Ende des Tunnels die anderen weiter vorn auf der Schulter sitzen und in die Welle hineinsehen, wo ich nichts zu tun hatte, als dem einzig freien Weg nach vorn zu folgen, bis sich die Wölbung über mir wieder öffnete, ich freikam und mit dem Schwung der Fahrt nach hinten über die Schulter in stilles Wasser glitt. Mit aufgerissenen Augen sahen wir uns an, bis jeder einzeln aus seiner Verzückung erwachte. Ich driftete langsam den Strand entlang, während Rui und die anderen auf die Stelle zu paddelten, an der jetzt nichts mehr darauf hinwies, dass dort grade die letzte Welle dieser Tide gebrochen war.
Ich hatte meine erste Tube gesurft, und es hatte mich verändert. Es schien mir wie das einfachste der Welt, ich brauchte mich nur klein zu machen und unter etwas hinweg zu bücken, das mich ohnehin überragte. "Söhnchen", Rui hat vollkommen recht gehabt.
Aloha an Rui!
Text (Fotos): Hendrik Rost



