Surfpiraten
Bis jetzt habe ich noch niemandem davon erzählt, weil ich das Ganze für mich behalten wollte. Doch wird mir diese Geschichte sowieso kein Mensch glauben, also kann ich ruhig erzählen, was mir widerfahren ist, ohne den Jungs zu schaden...
Es war Mitte Dezember, die Strände leer gefegt und die Einzigen, die den Strand täglich besuchten, waren der Wind und ich. Ich hatte mir ein kleines, gemütliches Nest unter einem umgestürzten Bunker gebaut, welches mich vor dem kalten Wind und dem Regen schützte. Hier hielt ich mich fast den ganzen Tag auf, weil ich auf Wellen wartete und das Warten lohnte sich oft.
Doch schon seit anderthalb Wochen hing ein Tief über unserer Küste, welches das Meer in eine einzige Schaumlandschaft, mit Wellen bis zu sechs Metern, und die Strände zu verlassenen Wüstenstreifen verwandelte. Ich hatte mich an das Warten gewöhnt, und außerdem liebte ich es, allein mit dem Sturm und dem Meer zu sein. An diesem Tag also hatte ich meine Heavy-Metal-Cassette schon sechs mal herumgedreht, so dass ich den Sturm nicht mehr von der Musik unterschied. Gedankenlos schaute ich den Wellen zu, wie sie nach ihrer langen Reise endgültig ihr Ziel in der Brandung erreichten, als plötzlich ein wahnsinniges, lautes Gelächter vom Meer her den ganzen Strand erschütterte. Zuerst dachte ich, es wären die Nebenwirkungen meines Musik-Konsums, doch als ein zweites Lachen die Wellen höher schlagen ließ, wusste ich, dass es real war. Die Wellen sahen aus, als hätten sie sich durch das tosende Gelächter verändert. Der Shorebreak war zwar nach wie vor derselbe undurchdringbare Schaumtempel, doch die letzte Welle hatte ihren Close-Out Instinkt gegen eine hart brechende Rechtswelle eingetauscht. Sechs Meter hohe Brecher verwöhnten nun die Sandbänke.
Aber was war das, ich konnte meinen Augen nicht trauen: aus dem Tunnel der ersten Welle schoss auf einmal ein Surfer heraus. Es schien, als wäre er von der Welle gezeugt worden. Der Brecher passte sich ihm an, der Surfer bändigte ihn und brachte ihm durch seine Cutbacks und Snaps neue Formen bei. Genauso plötzlich wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Aber er war nicht allein, die beiden darauf folgenden Wellen wurden bereits von zwei weiteren Surfern zerschlissen.
Ich hatte noch nie irgendwelche Menschen so surfen gesehen, und das Gebrüll, welches das ganze Szenario begleitete, ließ mir das Blut in den Adern erstarren.
Doch anstatt mich tiefer in mein Nest zu verkriechen oder wegzurennen, nahm ich meinen Wetsuit, zog ihn an und war schon auf dem Weg zur Brandung. Das Ganze lief automatisch ab, ich hatte keinen Einfluss mehr auf meinen Körper, ich musste zu ihnen. Ich war noch etwa drei Schritte vom Wasser entfernt, als ich stockte und das Gefühl hatte, wieder Herr meiner Lage zu sein. Doch plötzlich schrie mich diese Stimme vom Meer her an: "Komm schon endlich raus, Du Lump!"


